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Orthojournal.

Dr. Adolf Müller, Chefarzt, Klinik für Neurochirurgie Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg

Dr. Adolf Müller, Chefarzt, Klinik für Neurochirurgie Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg

Nicht nur im Zweifel für den Helm

Kopfverletzungen auf der Skipiste vorbeugen

In der Klinik für Neurochirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg behandeln wir Schädelhirnverletzungen im Akutstadium sowie deren operativ behandelbare Spätfolgen.

Schwere Schädelhirntraumen, die eine neurochirurgische Behandlung erforderlich machen oder gar zu einer Behinderung oder zum Tod führen, sind eine Rarität. So hatten wir in den letzten 14 Jahren meiner Dienstzeit am Krankenhaus Barmherzige Brüder nur einen Patienten nach einem Skinunfall operativ und anschließend längere Zeit auf der Intensivstation zu behandeln.
Dieser junge Mann war in der Abenddämmerung auf eine stehende Pistenraupe aufgefahren. Trotz Helm hatte er Einblutungen ins Gehirn und eine sekundäre Hirnschwellung. Vielleicht hat ihm neben der ärztlichen Kunst dann doch der Helm das Leben gerettet? Zweifel an der Repräsentativität unserer eigenen Erfahrungen führten zur Nachfrage in drei Neurochirurgischen Kliniken, die sich in Sichtweite zu den Skipisten befinden. Dort kommen Verletzungen, die neurochirurgisch oder intensivmedizinisch behandelt werden müssen, häufiger vor, sind aber bei Weitem nicht an der Tagesordnung.
In diesem Zusammenhang ist eine Umfrage der Neurochirurgischen Universitätsklinik Heidelberg aus dem Jahre 2011 interessant. Der Fall des Ministerpräsidenten aus Thüringen mit dem tragischen Tod des Kollisionsopfers hatte die öffentliche Diskussion angeregt. Die Umfrage bezog 55 Neurochirurgische Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein.In einem anonymen Fragebogen wurden Neurochirurgen, also Menschen, die mit den Auswirkungen von Schädelhirntraumen vertraut sind, und als Kontrollgruppe Personen in Skigebieten und Sportläden, die nichts mit »Medizin« zu tun haben, zu ihrem Verhalten und ihrer Meinung in Bezug auf das Tragen von Skihelmen befragt.

465 Neurochirurgen und 546 »Nichtmediziner« beantworteten die Fragebögen. 50 Prozent der Neurochirurgen und 50 Prozent der Kontrollgruppe gaben an, tatsächlich einen Helm bei Wintersport zu tragen. Nach den fatalen Skiunfällen, die durch die Presse gingen, kauften 15,4 Prozent der Neurochirurgen und 13,2 Prozent der Nichtmediziner ihren Skihelm.

Kinder sind besonders  gefährdet

Der Anteil an Verletzungen im Kopfbereich bei Ski- und Snowboardunfällen beträgt nach deutschen und österreichischen Studien in den letzten Jahren circa 10 Prozent. Dabei weisen Kinder im Skilauf eine doppelt so hohe Häufigkeit von Kopfverletzungen auf wie Erwachsene.
Kopfverletzungen gelten nach Herz- und Kreislaufversagen als eine Hauptursache von Todesfällen auf der Skipiste. Internationale Studien zeigen, dass das Tragen eines Helmes das Risiko einer leichten beziehungsweise mittelschweren Kopfverletzung deutlich reduziert. Der schützende Effekt eines Skihelmes scheint jedoch bei schweren und schwersten Kopfverletzungen eingeschränkt, da die Anzahl der tödlichen Kopfverletzungen in den USA trotz steigender Helmtragequote konstant blieb.
Skihelme, die herkömmlichen Industriestandards entsprechen, sind nur für einen Aufprall von 22 km/h konstruiert, sodass bei Stürzen und Kollisionen mit höheren Geschwindigkeiten nur ein bedingter Schutz gewährleistet ist. Zum Vergleich: Die Durchschnittsgeschwindigkeit von Skifahrern und Snowboardern beträgt nach Untersuchungen etwa 45 km/h.

Überschaubares Risiko für Skifahrer und Snowboarder

Die größte Studie zu Kopfverletzungen beim Skifahren und Snowboarden stammt aus den USA. Dort wurden über das Nationale Elektronische Unfallüberwachungssystem alle Ski- und Snowboardunfälle mit Kopfverletzungen, die in einer Notfalleinrichtung der USA in den Jahren 1996 bis 2010 registriert wurden, ausgewertet. Eine Einschätzung, wie viele Skifahrer sich in dieser Zeit auf den Skipisten der USA befanden, wurde vom Nationalen Skigebietsverband der USA abgegeben. Mit diesen Zahlen lässt sich das Risiko von Kopfverletzungen relativ genau darstellen. Interessant ist hierbei, dass Skifahren und Snowboarden ein insgesamt überschaubares Risiko bezüglich Kopfverletzungen darstellen. Kinder und Jugendliche sind die größte Risikogruppe. Von 10.000 Skipistenbesuchern erleiden Kinder im Alter zwischen 4 und 12 Jahren im Schnitt zwei Kopfverletzungen, bei Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren sind es drei.
Das Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Skiverband und dem Institut für Psychologie wertete in vier repräsentativen Skigebieten alle Skiunfälle aus, zu denen die Pistenrettung gerufen wurde. Personenbezogene, unfallrelevante Ausrüstungsfaktoren und Umweltfaktoren wurden dabei von den Pistenrettern erfasst. In der Saison 2008/2009 wurden 2908 verletzte Skifahrer oder Snowboarder gezählt. Als Unfallursache galt in 92 Prozent der selbstverschuldete Einzelsturz, in 8 Prozent Personenkollisionen, 9,6 Prozent erlitten Kopfverletzungen. 50 Prozent aller Verletzten trugen einen Helm.

Eigene Fähigkeiten richtig einschätzen

Entscheidend bleibt dabei vor allem, die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen und in Bezug auf Schneebedingungen und Skifahrerdichte durch vernünftiges und rücksichtsvolles Fahrverhalten Kollisionen mit Menschen und Gegenständen zu vermeiden. Ist dieses auf Selbsteinschätzung basierende System außer Kontrolle geraten, mindert der Helm im niedrigen, eventuell im Sturzverlauf schon abgebremsten Geschwindigkeitsbereich, das Risiko einer Sturzverletzung erheblich.              

Dr. Adolf Müller im Internet:
www.barmherzige-regensburg.de