Suche  

Orthojournal.

Dr. Adolf Müller, Chefarzt der Klinik für Neurochirugie am Krankenhaus Barmherzige Brüder

Sicherheit

Der Fahrradhelm – ein wirksamer Schutz?

 In der Klinik für Neurochirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder behandeln wir Schädelhirnverletzungen im Akutstadium sowie deren operativ behandelbare Spätfolgen. So hatten wir im Frühjahr beispielsweise eine junge Patientin, welche wir nach ihrem Fahrradsturz an einem großen Bluterguss zwischen Schädelknochen und Hirnhaut operieren mussten. Sie war mehr oder weniger aus dem Stand kopfüber auf einen Randstein gefallen. Mit Fahrradhelm wäre ihr höchstwahrscheinlich eine Operation und möglicherweise sogar der Krankenhausaufenthalt erspart geblieben.

Reiten ist gefährlicher

Trotzdem sind die Fahrradfahrer bei uns in der Klinik die kleinste Gruppe, die wegen Schädelhirnverletzungen nach einem Unfall operiert werden müssen. Stattdessen stellt beispielsweise der Pferdesport einen größeren Unfallschwerpunkt mit Schädelhirnverletzungen dar. Durch das Tragen eines Helmes können Pferdebegeisterte schwere Verletzung vermeiden. Dabei ist zu beachten, dass der Helm während des gesamten Kontaktes mit dem Pferd getragen werden sollte, da auch Hufschlagverletzungen gefährlich sein können.

Nur wenige Radunfälle

Insgesamt sind Schädelhirntraumen im motorisierten Straßenverkehr durch Geschwindigkeitsbegrenzungen, Verkehrserziehung und Anschnallpflicht deutlich zurückgegangen. Nach einer Studie der Neurochirurgischen Universitätsklinik Münster entstanden 11 Prozent der Schädelhirnverletzungen beim Auto- oder Motorradfahren, 36 Prozent während Freizeitaktivitäten, 28 Prozent im Haushalt, 15 Prozent bei der Arbeit und lediglich 10 Prozent bei Fahrradunfällen.

Mittelschwere Verletzungen häufig

 Die Frage, was der Fahrradhelm bei Unfällen objektiv bringt, ist schwer zu beantworten. Das britische Verkehrsministerium kam nach Auswertung von 16 nicht randomisierten Studien zu dem Schluss, dass die Helmbenutzung eine sinnvolle Maßnahme zur Verringerung von Kopfverletzungen sei. Die Auswertung der Münsteraner Studie dagegen zeigt, dass im Verletzungsgrad keine Unterschiede zwischen Helmträgern und unbehelmten Radfahrern nachzuweisen ist: Verletzte erleiden bei Fahrradstürzen meist mittelschwere Schädelhirntraumen, unabhängig davon, ob sie einen Helm getragen haben oder nicht.

Helm schützt nur bei leichten Unfällen

Woran könnte es liegen, dass der Verletzungsgrad mit und ohne Helm bei unseren Patienten gleich verteilt erscheint? Analysiert man die Unfallhergänge mit Helm und die Verletzungsmuster in der Computertomografie, so lässt sich feststellen, dass zwar Frakturen und offene Schädelverletzungen mit Helm seltener sind, dass aber schwerste Gehirnerschütterungen und Einblutungen ins Gehirn mit und ohne Helm gleich verteilt sind. Bei solchen Schädelhirnverletzungen kann es durch eine Schwellung zu weiteren Schäden kommen. Da das schwellende Gehirn in der festen knöchernen Schädelkapsel nicht ausweichen kann, kann die sekundäre Hirnschwellung für den Verunfallten lebensbedrohlich sein.

Gegenüberstellung: Motorradhelm – Fahrradhelm

Motorradhelme, auch kein ultimativer Schutz, sind anders aufgebaut als Radhelme. Sie haben im Gegensatz zu ihnen zusätzlich einen Puffer aus Styrodur. Dieses Innenleben des Motorradhelmes puffert bei einem Unfall die Aufprallenergie ab, die dann nicht unvermindert auf das weiche Hirngewebe unterhalb der harten Knochenschale einwirkt. Der Fahrradhelm hat einen solchen wirksamen Puffer nicht. Durch seine Hartschale kann der Radhelm im Niedriggeschwindigkeitsbereich Weichteilverletzungen und Schädelbrüche verhindern. Aufgrund der fehlenden Pufferwirkung und Knautschzone wird jedoch bei Unfällen mit höherer Geschwindigkeit das Gehirn durchgeschüttelt und es kommt zu Scherbewegungen und Anprallverletzungen an der harten Knochenkapsel, die direkt zu Einblutungen und Verletzungen des Hirngewebes führen. 

Risikobereitschaft steigt

Fahrradhelme verleiten den Träger zu einer höheren Risikobereitschaft, da sie eine vermeintliche Sicherheit darstellen. Eine Untersuchung von Risikoforschern ergab, dass Fahrradfahrer, die routinemäßig mit Helm fahren, vergleichsweise schneller fahren als Radfahrer ohne Helm. Um einen Sturz aus voller Fahrt mit Rennrad oder bergab mit einem normalen Rad einigermaßen wirksam abpuffern zu können, wäre allerdings ein Motorrad-Integralhelm erforderlich. Bei einer Mountainbike-Downhill-Fahrt mit Stolperfallen wäre der Sportler mit einem Motocross-Helm sicherheitstechnisch besser gegen Schädelverletzungen gerüstet als mit einem regulären Fahrradhelm.

Unfallhäufigkeit nimmt zu

Eine Analyse der Unfalldaten seit Einführung der Helmpflicht für Radfahrer in Neuseeland aus dem Jahr 2011 belegt, dass die Unfallhäufigkeit seit Einführung des Gesetzes prozentual um 20 Prozent zugenommen hat. Die Fahrradnutzung hat jedoch pro Person und Stunde um 51 Prozent abgenommen. Diese Untersuchung zeigt, dass das Helmpflichtgesetz in Neuseeland in Hinsicht auf die Förderung des Fahrradfahrens, der Sicherheit, der Gesundheit, der Unfallverhütung und Aspekten der Freiheit sich als Fehlschlag erwies.


Helm wirksam bei niedriger Geschwindigkeit

Der Helm ersetzt sicher nicht die allgemeinen Verhaltensregeln im Verkehr: Auch Helmträger müssen beim Radfahren Wert auf Aufmerksamkeit, Voraussicht, Rücksichtnahme, vernünftige Risikoabwägung, Vermeidung von Alkohol und Ablenkung legen. Aus neurochirurgischer Sicht ist der Fahrradhelm im niedrigen Geschwindigkeitsbereich sicher ein wirksamer zusätzlicher Schutz. Bei Stürzen mit höherer Geschwindigkeit und Frontalzusammenstößen reicht dieser Schutz häufig nicht aus, um Hirnverletzungen zu vermeiden.


Dr. Adolf Müller im Internet:
www.barmherzige-regensburg.de